Naturschutz-Akademie Hessen

Waldwende (2) - Abkehr vom Altersklassenwald?


Die häufigste Betriebsform in unseren Wirtschaftswäldern ist der Altersklassenwald. Er kann aus Pflanzung oder auch aus einer Naturverjüngung entstanden sein. Meist besteht er aus sehr wenigen Baumarten, die mehr oder weniger gleich alt sind. Pflegemaßnahmen, Durchforstungen und auch die Holzernte finden auf der gesamten Fläche statt. Bei der Holzernte, welche früher noch häufig im Kahlschlagverfahren durchgeführt wurde, fällt vergleichsweise viel Holz an.

Altersklassenwald (Rotbuche)

Solche Wälder sind oftmals sehr stark gefährdet, wenn sie von Extremereignissen heimgesucht werden, wie sie vermehrt im Zusammenhang mit dem Klimawandel auftreten. Trocknisschäden sind hier zu nennen, aber auch Stürme und Schäden durch Insekten. Natürlich ist dies abhängig von den vorkommenden Baumarten, so ist ein Fichtenreinbestand weitaus anfälliger als etwa ein Eichen-Hainbuchenwald.

Altersklassenwald (Fichte)

Sehr viel widerstandsfähiger und stabiler sind hingegen ungleichaltrige Mischwälder aus diversen Baumarten nach Art der Plenterwälder. Hier laufen die verschiedenen Entwicklungsstadien eines Waldes auf der gleichen Fläche ab, quasi als Voraussetzung für die Stetigkeit von Waldökosystemen. Letztlich entsteht so ein Dauerwald. Schon in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts haben dies visionäre Forstleute erkannt und die "Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW)" gegründet.

Artenreicher Mischwald im Herbst

Grundsätze dieser naturgemäßen Waldwirtschaft sind u. a.:
- Aufbau mehrschichtiger Mischwälder
- Verwendung standortangepasster (heimischer) Baumarten
- einzelstammweise Entnahme bei der Holzernte
- schonender und pfleglicher Umgang mit den natürlichen Ressourcen (etwa dem Waldboden)
- kein Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln und Düngern
- Schutz des Waldes durch angepasste Schalenwildbestände

Naturwald

Die Beimischung einzelner Nadelhölzer (auch Exoten, wie die aus Nordamerika stammende Douglasie) sind durchaus erwünscht. Zu den Grundsätzen zählen natürlich auch die ökonomischen Aspekte: Man will mit dem Wald Geld verdienen.
Interessanterweise hat sich die Naturgemäße Waldwirtschaft vorwiegend in (größeren) Privatwäldern durchgesetzt, kaum jedoch in öffentlichen Staats- und Kommunalwäldern.

Ein naturgemäß bewirtschafteter Wald ist jedoch kein Naturwald, der ohne menschliche Eingriffe sich selbst überlassen bleibt. Insbesondere fehlen ihm die Alters- und Zerfallsphasen. Dennoch sind die naturgemäßen Wälder weitaus stabiler und auch artenreicher als die herkömmlichen Altersklassenwälder.

Zerfallsphase im Naturwald

Die Frage nach der Abkehr von diesen Altersklassenwäldern ist somit durchaus nachvollziehbar, wohlwissend, dass ein Wechsel zu einer anderen Betriebsform lange Zeiträume erfordert. Der Klimawandel mit all seinen "Nebenwirkungen" wird uns vermutlich dazu zwingen, auch alternative Waldgesellschaften aufzubauen. Dort werden auch Baumarten vertreten sein, die heute noch eine untergeordnete Rolle spielen. Ebenso ist mit Exoten zu rechnen, sofern sie in der Lage sind, den Klimawandel und auch unsere winterlichen Temperaturen zu bewältigen.

Text und Fotos © Hubertus Schwarzentraub