Naturschutz-Akademie Hessen

Wilde Wälder braucht das Land

Im Jahre 2007 hat die damalige Bundesregierung die "Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS)" beschlossen. Die NBS enthält zahlreiche Maßnahmen und Ziele zur Förderung der biologischen Vielfalt. Unter anderem soll sich die Natur auf einem Teil der Landesfläche wieder ungestört entwickeln können, damit neue Wildnisgebiete entstehen. Diese Wildnisgebiete wurden in der NBS folgendermaßen definiert:
"Wildnisgebiete sind ausreichend große, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflussten Ablauf natürlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten"

Solche Wildnisgebiete könnten in diversen Landschaften Deutschlands entstehen, sei es an der Küste, im Hochgebirge, in Mooren, in Flussauen oder auch in ehemaligen Abbaugebieten. Gerade bei uns in Hessen bieten sich aber vor allem Wälder an. Zum einen ist unser Bundesland relativ waldreich. Außerdem müssen Wildnisgebiete eine gewisse Mindestgröße aufweisen, damit sie ihre komplexen Funktionen im Haushalt der Natur erfüllen können. Für Wälder liegt diese Mindestgröße bei 1.000 Hektar. In anderen terrestrischen Gebieten kann sie niedriger sein. Hinzu kommt, dass außerhalb des Waldes Zielkonflikte mit den Interessen der Gesellschaft wahrscheinlicher sind, als in Wäldern.

Für die Ausweisung solcher Wildnisgebiete im Wald (Naturwälder) bieten sich primär die öffentlichen Wälder an, insbesondere der Staatswald. Dort wurden in Hessen schon einige - auch größere - Gebiete aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen. Zu nennen sind hier Areale im Reinhardswald, im Kellerwald oder auch im Vogelsberg. Erst im vergangenen Jahr (2019) hat Staatsministerin Hinz über 6.000 Hektar Wald aus der forstlichen Produktion genommen, so dass sich derzeit auf etwa 10% der Staatswaldfläche Wildnisgebiete entwickeln können.

naturnaher Auenwald

Diese wilden Wälder bieten ideale Lebensräume für zahlreiche Tier-, Pflanzen- und Pilzarten. Auch seltene Spezies, wie Wildkatze, Hirschkäfer, Schwarzstorch oder die Bechsteinfledermaus sind auf diese Biotope angewiesen. Besondere Merkmale solcher Wälder sind ihr ungleichaltriger Aufbau aus verschiedenen Baumarten sowie ein hoher Alt- und Totholzanteil. Hinzu kommen Höhlenbäume, in denen (Schwarz-)Spechte ihre Bruthöhlen gebaut haben, die später sehr gerne von Dohlen, Hohltauben, Fledermäusen oder auch Hornissen und dem Raufußkauz genutzt werden.

männlicher Hirschkäfer

Wildkatze

In Abhängigkeit vom jeweiligen Standort können weitere Biotopstrukturen vorhanden sein, die das Artenspektrum erweitern. Geologische Formationen sind hier zu nennen oder auch feuchte Bereiche im Wald.

Idealerweise sollten die Wildnisgebiete vernetzt werden, um Wanderungen der Tierarten zu ermöglichen, was sehr bedeutungsvoll für einen Genaustausch ist. Dazu wären kleinere Wildnisinseln (sozusagen als Trittsteine) zwischen den eigentlichen Wildnisgebieten hilfreich.

Spechthöhlen im Totholz

Buntspecht

Durch die Folgen des Klimawandels sind in den letzten Jahren – insbesondere wegen des Absterbens der Fichten - zahlreiche Freiflächen in den Wäldern entstanden, die nun zur Wiederbewaldung anstehen (allein in Hessen sind es ca. 20.000 Hektar!). Auch auf diesen Flächen könnten durchaus „Wilde Wälder‟ entstehen, sofern man der natürlichen Entwicklung ihren freien Lauf lässt. Dabei sollte man allerdings in längeren Zeiträumen denken. Wir haben es in der Hand!

Zunderschwämme an Totholz

Literatur:

Bundesamt für Naturschutz (BfN), 2018
Mehr Wildnis in Deutschland
Warum wir Wildnisgebiete brauchen

Zoologische Gesellschaft Frankfurt, (Hrsg.), 2017
Wildnis in Deutschland
Wegweiser zu mehr Wildnis in Deutschland

Text und Fotos © Hubertus Schwarzentraub